Piratenflugblatt #2 - Ein Auslandssemester in Indonesien

  • Hallo zusammen,


    lange gab es wieder nichts mehr von mir zu hören bzw. zu lesen und auf den Grund möchte ich gerne im Folgenden eingehen. Manche mögen sich noch daran erinnern, manche vielleicht nicht, aber ich hatte bereits erwähnt dass ich vor einem spannenden Jahr 2015 stehe und habe von Anfang März bis Ende September in Indonesien gelebt, studiert und gearbeitet. Ich kam zwar ab und zu zum stillen Mitlesen, aber das aktive Schreiben rückt bei mir öfters in den Hintergrund - deshalb habe ich es auch nicht geschafft, meine angekündigte Blog-Serie zu verfassen. Vergebung! :D


    "Ein obligatorisches Auslandssemester? Aber wo soll die Reise denn hin gehen... Egal, Hauptsache weit weg!" - war mein erster Gedanke als ich von meiner Universität hörte dass das sechste Semester im Ausland zu absolvieren ist. Relativ schnell habe ich mich dann auf Asien bzw. konkret Bali eingeschossen, Gründe hierfür waren bspw. die günstigen Lebenshaltungskosten, das schöne Panorama unddie Tatsache, dass die Udayana Universität auf Bali zu unseren Partner-Universitäten zählt. Im Folgenden findet ihr einen Erfahrungsbericht über meine angegebene Zeit vor Ort.


    Die Zeit von der Festlegung auf Bali bis zur tatsächlichen Ankunft in Asien verging wie im Flug. Jugendlich spontan, relativ unvorbereitet und mit (wie sich später herausstellen sollte) völlig falschen Erwartungen stieg ich aus dem Flugzeug und wurde direkt von den 35° Celsius und der 90%igen Luftfeuchtigkeit erschlagen. In Bali gibtes nämlich „nur“ zwei Jahreszeiten: eine Regenperiode von Oktober bis März und eine Trockenzeit von April bis September. Heiß ist es mit einer Durchschnittstemperatur von 26° Celsius allerdings das ganze Jahr über. Im absoluten Überangebot an Taxifahrern am Flughafen habe ich mir den vermeintlich günstigsten herausgesucht und wurde in unsere Villa in Kerobokan gefahren, was ca. 20 Min. vom Flughafen entfernt war. Dort ließ es sich aber sehr gut aushalten. Wir waren mit mir vier Mädels und zwei Jungs, hatten jeder ein eigenes Zimmer und eine sehr engagierte Haushälterin (die allerdings kein Englisch gesprochen hat). Das Zentrum des Grundstücks war der große Pool; die sechs Zimmer und die offene Küche waren wie ein „U“ drum herum gebaut.


    Es fiel einem aber auch ungemein leicht, die Seele einfach mal baumeln zu lassen!


    Nach einer Eingewöhnungszeit von gut einem Monat hatte ich auch die ersten Kontakte zu Einheimischen geknüpft, wurde an Orte geführt die der typische Tourist sonst nicht zu Gesicht bekommt, habe die Sprache so gut es ging gelernt und habe einen guten und nachhaltigen Eindruck der asiatischen Kultur erhalten. Das Eingewöhnen fing beim Essen an – bei netten Mitarbeitern wurde man gefragt ob man einheimisch-scharf oder touristisch-scharf essen möchte – und hörte bei der asiatischen Unpünktlichkeit auf. In Indonesien kommt grundsätzlich jeder zu spät, als Begründung dient immer der Verkehr. Und der ist wirklich der pure Horror. Gefühlt kommen auf 100 Roller nur 10 Autos, dementsprechend war es auf den ohnehin nicht immer gut befahrbaren Straßen ein wahres Abenteuer, vor allem wenn man bedenkt dass die einzige Regel die eingehalten wird der Linksverkehr ist. Ampeln werden großzügig übersehen, Tempolimits gibt es nicht und selbst alkoholisiert ist es erlaubt zu fahren, vorausgesetzt man ist Einheimischer. Anekdote zum Rechtssystem: Mord gibt ca. 3-5 Jahre Freiheitsstrafe, Drogenbesitz u. U. sofort die Todesstrafe – gerne wird besonders an Touristen ein Exempel statuiert. Ich persönlich musste die Polizei oft genug schmieren um davon zu kommen wenn ich mal für kurze Strecken ohne Helm gefahren bin, so wie es gefühlt 90% der Rollerfahrer tun und damit durch kommen. Damit sind wir auch beim Hauptproblem dieses Landes: der Korruption. Mit Geld ist dort alles möglich, hinzu kommen Armut und steigende Kriminalität aufgrund des immer stärker werdenden Tourismus. Einerseits lebt das Land vom Tourismus, andererseits sorgen spendierfreudige Touristen dafür, dass die Preise für balinesische Verhältnisse astronomische Höhen annehmen und von den Einheimischen nicht mehr zu bezahlen sind. Um ein Gefühl für die Währung zu bekommen folgendes Beispiel: für umgerechnet 20€ kann man eine Woche gut und wohlgenährt überstehen. Der Grund hierfür sind vor allem die regional häufig vorhandenen Reisfelder wie die in der Stadt Ubud.


    Etwas das mich sehr positiv überrascht hat ist die Tatsache dass die Menschen vor Ort, auch wenn sie noch so wenig haben, bestens miteinander auskommen und sich unterstützen. Indonesien ist zu 90% muslimisch geprägt, Bali ist die einzige Insel die jedoch 90% hinduistisch ist. Nichtsdestotrotz gibt es neben den zahlreichen hinduistischen Tempeln auch muslimische Moschéen, christliche Kirchen und viele buddhistische Tempel. In meiner ganzen Zeit dort gab es nicht mal Anzeichen von Verfeindungen und das hat mir sehr imponiert. Die Menschen sowie die jeweiligen, religiösen Einrichtungen wohnen bzw. stehen Tür an Tür. Grundsätzlich ist Religion das Allerwichtigste auf Bali und steht über allem. Pro Monat fanden mindestens 10 Zeremonien statt und an diesen Tagen wird weder gearbeitet noch zur Universität gegangen. Gründe für Zeremonien sind vielfältig, zum Einen sind es hinduistische Feiertage, zum Anderen werden Todesfälle ähnlich zelebriert, so makaber es sich auch anhört. Die Trauerfarbe ist weiß und manfeiert den Toten mehrere Tage. Teilweise ist es auch üblich, dass die Verstorbenen zunächst beerdigt, allerdings nach fünf Jahren wieder ausgegraben werden. In dieser Zeremonie werden sie noch einmal groß gefeiert und im Anschluss verbrannt. Es gibt allerdings auch Stämme, die ihre Toten alle drei Jahre ausgraben, neu einbalsamieren, neu einkleiden, ein Fest feiern und dann mit kleinen Beigaben wieder in ihre Gräber legen. Auf vielen Inseln Indonesiens glaubt man daran, dass die Seele zwar den Körper verlässt, sie allerdings danach immer in der Nähe des Körpers verweilt – daher rührt dieser jahrhundertealte Trauerkult.


    Neben der Religion spielt auch das Karma eine extrem wichtige Rolle: die Menschen dort glauben an die einfache Regel, dass dem, der Gutes tut, gutes widerfährt bzw. dem, der Schlechtes tut, schlechtes widerfährt. Das ist auch einer der Gründe wieso die vielen Straßenhunde, die es auf Bali gibt, sogar relativ gut von den Menschen behandelt werden. Sie werden weder geschlagen noch verscheucht, man lebt nebeneinander her und oft ist zu beobachten gewesen, dass die Hunde sogar von einigen gefüttert wurden – und das obwohl die meisten Menschen selbst zu wenig zum Leben haben. Das hat den Grund, dass Balinesen an Reinkarnation glauben und das steht im Zusammenhang mit Karma. Wer schlechtes tut, dem widerfährt nicht nur schlechtes im Leben, sie werden nach dem Glauben der Menschen auch als sogenannte „Bali dogs“ wiedergeboren. Da also jeder Hund potenziell ein Vorfahre sein kann, wird mit Hunden grundsätzlich sehr gut umgegangen. Das waren aber auch liebe Tiere!


    [Fortsetzung im nächsten Post]

    Zitat

    "Lege dich nie mit einem Idioten oder Kleingeist an -
    erst zieht er dich auf sein Niveau und schlägt dich dann mit seiner Erfahrung."


    Fragen zu sämtlichen Fitnessbelangen könnt ihr gerne via PN an mich senden
    näheres zu mir gibt's HIER

    :nummer1:

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    Weitere interessante Punkte sind die Namensgebung und die Sprache. Die Namensgebung erfolgt nach einem bestimmten Schema, kurze Randnotiz hierzu: in Indonesien sind pro Familie zwei Kinder erlaubt, Bali ist mit vier die Ausnahme. Jedes erstgeborene Kind bekommt den Vor-Vornamen Putu, jedes zweitgeborene Made, jedes drittgeborene Nyoman und jedes viertgeborene Ketut. Das gilt geschlechterübergreifend, denn je nachdem ob man männlich oder weiblich ist bekommt man vor diesen Namen noch ein „I“ für männlich bzw. ein „Ni“ für weiblich. Aus mir würde dann ein: „I Putu Patrick“ werden, meine jüngere Schwester Patrizia (wenn ich eine hätte) hieße dann „Ni Made Patrizia“. Sollte eine Familie trotzdem mehr als vier Kinder haben wird beim fünften Kind wieder bei Putu angefangen (das kommt schon relativ häufig vor, denn Regeln und Gesetze werden nicht so eingehalten wie wir es in Europa gewohnt sind). Das ist auch der Grund dafür, dass man an vielen Geschäften denselben Namen auf Schildern liest. Die Sprache ist hingegen weniger strukturell aufgebaut. Es gibt kaum Grammatik, keine Konjugation, keine Singular-Plural-Unterscheidung und es gibt darüber hinaus nur Präsens. Man könnte die Sprache mit einem riesigen Vokabeltest vergleichen, wenn man die richtigen Wörter irgendwie aneinanderreiht wird man von Einheimischen dennoch verstanden. Bei dieser Sprache ist das Sprechen also ausnahmsweise mal leichter als das Verstehen. Anbei zwei kleine Beispiele: Ich heiße Patrick kann mit „nama saya Patrick“, „saya nama Patrick“ oder jeder anderen Kombination übersetzt werden. Freund heißt„teman“ und Freunde heißt „teman-teman“, im Plural wird das entsprechende Wort einfach zweimal genannt. Meine absoluten Lieblingssätze waren: „mahasiswa di udayana“ (Ich bin Student der Udayana Universität), „bahasa saya tidak bagus“ (Mein Bahasa-Indonesisch ist nicht gut) und „tidak uang, maaf“ (Ich habe kein Geld, sorry). Die Studenten der Udayana genießen ein sehr hohes Ansehen und diese Sätze plus der Studentenausweis haben mir viel Geld und noch mehr Nerven gespart. Was man allerdings so gut es geht vermeiden sollte ist das Krankenbett. Ohne Kreditkarte läuft dort gar nichts und leider bin auch ich nicht unfallfrei geblieben. Nach meinem relativ schweren Rollerunfall wurde ich im Krankenhaus zuerst gefragt ob ich Cash oder mit Karte zahle bevor man mich fragte was passierte und wie es mir geht – andere Länder, andere Sitten. Leider hinderte mich dieser Zwischenfall daran, mein einmonatiges Praktikum für die Muttergesellschaft meines Unternehmens in Jakarta anzutreten. Aus dem sündhaft teuren und technisch völlig veraltetem Krankenhaus habe ich mich nach zwei Tagen selbst entlassen und wurde fortan von einem exzellenten Team meiner einheimischen Hobbyärzte gepflegt, anbei ein gestelltes Scherzfoto - der Humor kam trotz des Unfalls schnell wieder.


    Und wie sah ein typischer Tag überhaupt aus? Morgens für einige Stunden in die Uni, danach am Pool oder am Meer entspannen, in kleinen Restaurants („Warung“ genannt) einheimisch essen gehen, jeden Abend den Sonnenuntergang von einer der zahlreichen Strandbars anschauen und mich dann ins Nachtleben stürzen – das hat es auf Bali nämlich auch in sich. Für Australier ist Bali nicht umsonst das was für uns Deutsche Mallorca ist. Anbei ein paar Impressionen.


    Unter dem Strich hat das Semester meine Erwartungen in jeder Hinsicht übertroffen, wenngleich ich auch nicht mit so viel harter Realität gerechnet hätte. Zwar gibt es viele Schattenseiten in einem Land wie Indonesien, aber im Nachhinein bin ich froh auch diese kennengelernt und mich nicht in einem der 5* Resorts vor allem behütet zu haben. Wenn man sich von dem Gedanken verabschiedet, dass Bali bedingungslos mit Sommer, Sonne, weißem Strand und türkisem Meer zu verbinden ist, kann der Aufenthalt ein schöner werden. Denn für die wahrlich schönen Ecken dieser wundervollen Insel muss man auch gut und gerne mal mehrere Stunden Roller fahren um dem touristischen Süden von Bali zu entkommen. Je weiter man nordwärts fährt, desto grüner wird die Landschaft und desto geringer wird die Einwohnerdichte. Die Menschenmassen werden langfristig noch ein Problem werden, vielleicht nicht unbedingt auf Bali aber auf jeden Fall auf Java, wo die Hauptstadt Jakarta mit 10 Mio. Einwohnern liegt. Auf ganz Java befinden sich 50% der Population Indonesiens, wenn man jetzt bedenkt dass Indonesien 17.000 Inseln hat kann man sich vorstellen was das für eine Masse sein muss. Das ist allerdings eine andere Geschichte… Davon abgesehen ist Java allerdings DIE Insel der Künstler – die Kunst der Batik wurde ebenfalls in Java entwickelt. Ich habe dort ein traditionelles Atelier besucht und mir die Kunst erklären lassen. Batik wird in javanesisch eigentlich „mbatik“ geschrieben und bedeutet „mit Wachs schreiben“, in diesem aufwendigen Verfahren wird in Handarbeit mit flüssigem Wachs auf Baumwoll- oder Seidengewebe gezeichnet, sodass das Gemälde später sogar abgespült, gewaschen und gebügelt werden kann. Ein originales Exemplar lässt sich dadurch erkennen, dass es auf dem Gewebe beidseitig zu sehen ist – für Kunstliebhaber ist ein Besuch der Stadt Yogyakarta auf Java absolute Pflicht! Anbei Bilder wie die Tools und Beispielbilder aussehen sowie ein Gruppenbild mit dem Künstler.


    Ich kann jedem Asien-Freund nur dazu raten, sich Bali und die umliegenden Inseln Borneo, Flores, Java, Sumatra und Sulawesi anzuschauen und verabschiede mich mit einigen letzten Impressionen von meinem Aufenthalt!


    P.S.: Ich bin gerne dazu bereit, Fragen zu beantworten oder auf Wunsch bei konkreten Dingen noch mehr ins Detail zu gehen! Schreibt mir hier eine Mail, meldet euch bei Facebook oder Skype. Da ich gerade leider noch auf Arbeit hocke ist der Bildervorrat etwas begrenzt, ich werde aber schnellstmöglich ein ganzes Bilderbuch nachreichen! Schließlich hat Mery sich ja Nacktbilder gewünscht.


    Terima kasih, vielen Dank (fürs Lesen)!

    Zitat

    "Lege dich nie mit einem Idioten oder Kleingeist an -
    erst zieht er dich auf sein Niveau und schlägt dich dann mit seiner Erfahrung."


    Fragen zu sämtlichen Fitnessbelangen könnt ihr gerne via PN an mich senden
    näheres zu mir gibt's HIER

    :nummer1:

    3 Mal editiert, zuletzt von Piratenkönig ()

  • Schön wieder von dir zu lesen und Danke für den interessanten Einblick. Hat mir Spaß gemacht ihn zu lesen.



    Greed has poisoned men’s souls - has barricaded the world with hate;
    has goose-stepped us into misery and bloodshed.

  • Sehr schöne Impressionen aus einer fernen Kultur. Toll :thumbup::thumbup: .


    Wie gesagt: Reisen erweitert den Horizont, lehrt uns nebenher, den eigenen Horizont auch mal zu überdenken und man lernt Respekt, viele Sitten/Gebräuche, Offenheit und Erfahrung in das eigene Land mitzunehmen und vielleicht auch ein bisschen unsere Kultur damit zu bereichern.


    Beneide dich darum. :D^^ .




    Hab ein paar Fragen. Werde heute nachmittag mal mit dir chatten. :D